Umwandlungssatz

Die Debatte um die Altervorsorge

Abstimmung zum Umwandlungssatz am 7. März 2010

Die Debatte um die Senkung des Umwandlungssatzes wird hitziger. In einer Kolumne im Tages-Anzeiger bezeichnet Rudolf Strahm die Pensionskassen als Selbstbedienungsläden. Der Pensionskassenverband ASIP fragt die Chefredaktorin "mit grossem Erstaunen und Befremden", wie es möglich sei, dass der Tages-Anzeiger "einem Politiker eine solch prominente Plattform biete, die er ... nur dazu nutzt, mit Polemik und irreführenden Behauptungen gegen das schweizerische Altersvorsorgesystem Stimmung zu machen." Er wirft der Zeitung vor, mit der Zurverfügungstellung der Plattform die journalistische Pflicht der ausgewogenen Berichterstattung aufs Gröbste zu verletzen. Strahms Festellung, nur Insidern sei bekannt, wer alles an unseren Pensionskassen mitverdient, tut der Verband als unsachliche Aussage ab, die nicht zu kommentieren sei. Hier wird die NZZ konkreter: "Die Kapitalgedeckte berufliche Vorsorge des Schweizer Altersvorsorgesystems ist ein Eldorado für Beratungsgesellschaften" schreibt Michael Ferber am 14. Januar 2010. Derweil fragen sich der und die Stimmberechtigte, wem da noch zu glauben sei.

 

Zwei Argumente sprechen für eine Herabsetzung des Umwandlungssatzes:

  1. die Menschen werden immer älter, das angesparte Geld muss auf einen längeren Lebens­abend verteilt werden. Dies wird mit der Senkung des Umwandlungssatzes erreicht.

  2. Die Verzinsung des Kapitals in Zukunft ist nicht mehr so hoch, wie in der Vergangenheit, deshalb reicht das Altersgeld weniger lang.

Weshalb aber trotzdem eine Kontroverse, wenn es so klar zu sein scheint? Weil es um Interessen bzw. Geld geht. Bei gesenktem Umwandlungssatz gibt es weniger Rente. Bei zu hohem Umwand­lungssatz wird für die Rentner heute und morgen zu viel Vermögen verzehrt, für die Rentner über­morgen bleibt zu wenig übrig. Und zuletzt, aber keinesfalls nebensächlich: den grossen Versiche­rungsgesellschaften, welche Pensionskassen-Sammelstiftungen führen, wird mit hohem Umwandlungssatz das Geschäft vermiest. Dividenden sind in Gefahr.

Argument Lebenserwartung

Als einigermassen gesichert kann gelten, dass die Lebenserwartung von Männern zum Zeitpunkt der Pensionierung seit der Einführung der zweiten Säule 1985 bis 2010 um vier Jahre zugenommen hat. Gesicherte Daten gibt es allerdings nur für diejenigen, die bereits ge­storben sind. (plus/minus Jahrgang 1920). Ist es wahrscheinlich, dass die Lebenserwartung bis 2100 im Durchschnitt (!) deutlich über 90 Jahren liegen wird? (Erwartungen von Avenir Suisse) Umwelt- und Lebenshaltungsfaktoren ha­ben einen grossen Einfluss. Dies stellt fest, wer einen der vielen Lebenserwartungs-Kal­kulatoren im Internet nutzt: abhängig davon, ob ich Bildung und Einkommen minimal oder maximal einsetze, differiert die Lebenserwartung um 3 Jahre! (Folge: Renten-Umverteilung von Handlangern zu Akademikern) Wie ist das Faktum zu beurteilen, dass immer mehr Menschen übergewichtig sind? Werden Menschen, welche ihre Jugend heute verbringen dieselben Lebenserwartungen haben wie Menschen, welche vor der Mitte des letzten Jahrhunderts geboren sind? All diese Unsicherheiten tragen zu sehr unterschiedlichen Prognosen und entsprechenden Auseinan­dersetzungen bei. Die längste Lebenserwartung verheisst einem die wirtschaftsnahe Avenir Suisse. Die vom Konsumentenmagazin K-tipp zitierten Quellen sind viel skeptischer.

Argument Verzinsung

Gerade umgekehrt gelagert sind Optimismus und Pessimismus bezüglich Kapitalverzinsung. Von wirtschaftsnahen Kreisen wird eine Durchschnittsverzinsung von 4% als allzu kühn be­zeichnet. Für Gewerkschafter ist dies die genau richtige Prognose. Sie haben wohl noch in den Oh­ren, dass Vertreter der Finanzwelt die langfristig hohen Renditen von Aktienanlagen priesen und dies mit imposant steigenden Kurven von 1900 bis heute illustrierten. Während die einen nicht mehr dran glauben, wollen die anderen diese Verheissungen jetzt eingelöst sehen.

Vermögensverzehr und Lage der Kassen

Nun müsste der klug wirtschaftende Pensionskassenverantwortliche sagen: wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, dass mit dem ak­tuellen Umwandlungssatz zu hohe Renten ausbezahlt werden, was auf Kosten der zukünftigen Mit­glieder unserer Altersvorsorge geht, dann muss eine Senkung vorgenommen werden. Wenn in der Kasse danach zu viel Geld liegt, weil nun weniger ausgeschüttet wird, kann dieses Geld immer noch an Vorsorgesparer oder Rentner ausbezahlt werden. Das ist bei autonomen („be­triebseigenen“) Kassen oder unabhängigen Sammelstiftungen möglich. Denn dort gehört das Vermö­gen niemand anderem als den Versicherten. Bei Sammelstiftungen, welche von der Privatasseku­ranz (den grossen Versicherungsgesellschaften) geführt werden, fliessen Gewinne als Dividenden an die Aktionäre. In der ganzen politischen Diskussion im Vorfeld der Abstimmung ist der Stand­punkt dieser Versicherer sehr stark vertreten.

Selbstbedienungsläden“

Neben den Aktionären gibt es noch andere Gruppen, die von der Altersvorsorge profitieren. In einer Kolumne im Tages-Anzeiger nannte alt Nationalrat und Preisüberwacher Rudolf Strahm unser Sys­tem der 2. Säule einen Selbstbedienungsladen. Er spricht von exorbitanten Verwaltungs- und Bera­tungskosten. Völlig daneben liegt Strahm nicht, wenn er den Finger namentlich auf die Beratungskosten legt, schreibt doch beispielsweise auch Michael Ferber in der NZZ: „Die kapitalgedeckte berufliche Vorsorge des Schweizer Altersvorsorgesystems ist ein Eldorado für Beratungsgesellschaften. ... viele Stiftungsräte von Kassen (sind) überfordert und bei der Verwaltung der Gelder auf Ratschläge von Consultants angewiesen. Das Schweizer Milizsystem schafft eine starke Nachfrage nach Beratungsdienstleistungen. Der weite Spielraum beim Betreiben des Beratungsge­schäfts und die undurchsichtigen Strukturen in der zweiten Säule kommen die Versicherten aber teuer zu stehen … “ Und: „Viele von ihnen (den Beratern) dürften aber Kompetenzen vermischen und hinter dem Rücken der Kassen Retrozessionen (Rückerstattungen) kassieren.“

Politische Auseinandersetzung

Vergleicht Strahm Äpfel mit Birnen, wie der Pensionskassenverband ASIP meint, wenn er die bei­den Verwaltungskosten-Beträge 25 Franken (AHV) und 800 Franken (zweite Säule) nebeneinander­hält? Ja und nein. Ja, wenn man das Nebeneinander der beiden Systeme als mehr oder weniger gott­gegeben ansieht. Nein, wenn man sich daran erinnert, dass das Kapitaldeckungsverfahren der zwei­ten Säule damals gegen das Votum der Befürworter für einen Ausbau der AHV durchgesetzt worden ist. Wer, wie verschiedene Volkswirtschaftsprofessoren, das Kapitaldeckungskonzept, in welchem je­der (scheinbar) seine eigene Rente anspart, als aufwendigeres Umlageverfahren ansieht (Umlage, weil die Wirtschaft ja permanent die Renten erarbeiten und zahlen muss), der kann sich schon fragen, ob das reine Umlagever­fahren mit nur kleinem Kapitalpuffer, nicht die bessere Lösung wäre. Basis müssen ja nicht die Löh­ne sein, wie bei der AHV. Man kann eine Grösse nehmen, welche der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung entspricht. Über die Mehrwertsteuer liesse sich die Umlage bewerkstelligen.

Wer zu einem Nein zum gesenkten Umwandlungssatz aufruft, ist nicht unbedingt der Meinung, die Lebenswerwartungen würden nicht mehr steigen und eine hohe Verzinsung des Kapitals werde problemlos sein. „Die Missstände werden sich nur korrigieren lassen, wenn mit der kommenden Abstimmung der BVG-Revision ein politischer Druck zu strengeren Anlagevorschriften aufgebaut wird.“ Rudolf Strahm, der für ein Nein votiert, meint hier mit den Missständen die Börsenspekulation mit zwielichtigen Produkten. Eine Lösung von strengeren Anlagevorschriften, wie er vorschlägt, zu erwarten, ist allerdings zu wenig weit gedacht. Denn die immensen Vorsorgevermögen müssen so oder so angelegt werden. Es ist fragwürdig, wenn diese spekulativ an der Börse eingesetzt werden. Es wäre aber auch verhängnisvoll, wenn sie ihre Rendite alle aus dem Wohnungsbau in der Schweiz beziehen wollten. Der Kritik von Strahm kann man auf weiten Strecken zustimmen. Ob ein Nein Druck in die richtige Richtung erzeugt, darf bezweifelt werden. Bevor Funktion, volkswirtschaftliche Wirkung und Nutzniessung des Kapitals nicht einigermassen durchdacht sind, gibt es keine nachhaltigen Lösungen.

Matthias Wiesmann